Erinnerungstag: 16.05.2020 | Erinnerungszeit: 14:30 Uhr | Viola Köster

Paulus - Felix Mendelssohn-Bartholdy

Erinnerung

  • Wenn ich zur Ruhe kommen möchte, höre ich gerne klassische Musik.
    Besonders gerne Mendelssohn, Felix und Fanny. Sehr gerne den „Paulus“
    von Mendelssohn.                                                                                                                                         Meine Mutter meint, dass das daher kommt, dass sie den Paulus im Chor
    gesungen hat, als ich unterwegs war. Sie meint, ich hätte die Musik also
    über die Bauchhaut aufgenommen. Oder vielleicht auch über die
    Stimmbänder-Brustkorb-Bauchfell…
    Jedenfalls höhre ich den Paulus gerne abends vorm Einschlafen, wenn ich
    schon im Bett liege, zum Beispiel zwischen 23.00 und 24.00 Uhr.
    Manchmal stelle ich mir meine Mutter mit dickem Bauch im Michel in
    Hamburg dabei vor. In jedem Fall hat sie so 80er Leggins an und so weite
    Baumwollpullis darüber. Besonders erinnere ich einen solchen weißen
    Baumwollpulli, der aussieht wie von einem dicken Oberarzt geklaut.
    Manchmal liege ich einfach nur da und denke so in mich rein.

    Cut.

    – Beim Orthopäden, zu dem ich vor Corona öfter wegen meiner Hüfte
    (vermutlich eine Erbkrankheit von Oma über Vater bis hin zu mir)
    gegangen bin, lief im Januar, sagen wir, am Dienstag, den 21.1.2020 umn
    9.00 Uhr morgens, im Wartezimmer das Lied „The Power of love“ von
    Jennifer Rush. Daber denke ich immer an meine Eltern. Sie haben nach dem
    obligatorischen Walzer zu diesem Lied ihre Hochzeit gefeiert. Das war
    sogar vorm Paulus. Ich war noch nichtmal in Ansätzen vorhanden. Aber ich
    kenne die Erzählungen und die Fotos, das „kecke Lachen“ meiner Mutter,
    wenn sie erzählt, wie sie im Laufe des Abends ihren weißen Rock immer
    weiter aufgeknöpft hat. – Ich erinnere mich dann weiter an die Abende,
    in denen mein Bruder und ich im Schlafanzug vorm Türspalt standen und
    die streitenden Eltern und fliegenden Gegenstände beobachtet haben…
    Ich erinnere mich dann an Streit. „The power of love“…

    Cut.

    – Zum Schreiben höre ich gerne „Kosheen“, zur Erinnerung an meine
    zweite, ziemlich intensive und ziemlich konfliktbeladene Beziehung gerne
    das Album Kokopelli von 2003. Darin sind Lieder, die z.B. „Recovery“
    heißen, oder „Wasting my time“ oder  auch „Coming Home“. Der Jakob und
    ich haben dieses Albung oft beim Autofahren gehört. Das war 2010-2012.
    2011 um Ostern herum waren wir mal mit dem Auto von Wien unterwegs ins
    Burgenland, wo seine Eltern so ein „Landhaus“ hatten. Mitten in den
    Hügeln, mit Kiwibaum und Naturpool im Garten. Auf der Autofahrt hat der
    Jakob durchgeraucht und mir ist schlecht geworden vom Rauch, den Kurven
    und dieser Wehmut, die Kosheen in mir ausgelöst hat. Wir haben dann auf
    einem dieser Rastplätze Pause gemacht und in die Landschaft geschaut.
    Ich habe ihn gebeten, nicht mehr beim Fahren zu rauchen und die Kurven
    langsamer zu nehmen. Hat aber nicht so viel geholfen…

    Cut.

    – Vor zwei Jahren, sagen wir mal, am 16. Mai 2018 um 14.00 Uhr, schreibt
    mein Vater meinem Bruder und mir eine relativ lapidare Mail, in der er
    uns darüber informiert, wie er seine Beerdigung gerne gestaltet hätte.
    Er hätte beispielsweise gerne ein Picknick auf seinem Grab wie in
    Mexiko. So mit Gitarre und Girlanden. Für meinen Bruder und mich hat er
    sich auch schon eine Aufgabe überlegt: Wir sollen ihm „Imagine“ von den
    Beatles spielen. Mein Bruder am Klavier/Keybord und ich soll’s singen.
    Seitdem stelle ich mir dieses Szenario öfter vor und frage mich, ob mein
    Vater eine Ahnung davon hat, dass er mir mit dieser Mail eine
    „Zukunftserinnerung“ voller ambivalenter Gefühle beschert hat? – Ich war
    noch nie ein krasser Beatlesfan, aber seitdem hat ihre Musik für mich
    irgendwie an Leichtigkeit verloren.

    Cut.

    – Wenn ich Tocotronic höre, dann bin ich in Gedanken immer in Berlin
    unterwegs, da laufe ich dann durch den Viktoriapark bis zum
    Kriegsdenkmal hoch und schaue über die Stadt oder laufe meine Runden auf
    Inlineskates um das Tempelhofer Feld herum. Es war im Frühling 2012, als
    ich in den letzten Zügen meiner Diplomarbeit steckte und in der Pause
    immer in den Parks herumgelaufen bin. Manchmal zum Schaukeln, manchmal
    nur zum Dumm-Herumlaufen. Beim Einkaufen auf dem Rückweg gingen dann
    immer schon die Formulierungen für die nächsten Seiten wieder los… Ich
    formulierte dann sogar die Frage aus, ob ich jetzt zum Abendessen besser
    Zuccini oder Bohnen kochen sollte: „Wäre es heute nicht besser, die
    Zuccini zu wählen, da mein Bauch bereits Zeichen von Anspannung
    verlautbaren lässt?“ Und so weiter…  Besonders erinnere ich mich an
    das Lied: „Harmonie ist eine Strategie“ vom Album „Kapitulation“ von
    2007. Ein Geschenk meiner guten Freundin Dania. Mit der habe ich im
    Winter im Viktoriapark immer Schneeengel gedrückt. Hinlegen, Arme
    ausbreiten und mit den Flügeln schlagen. Auch das zu Tocotronic.

    Cut.
    Copy.
    Und Paste.
    Vor, zurück oder obendrüber.

Kasette Kopfhörer Klemmbrett

IfAt

Angaben zum Experienten/ zur Experientin:

Name: Viola Köster
Geschlecht: weiblich

Angaben zum Experiential Recording:

Erinnerungstag: 16.05.2020
Erinnerungszeit: 14:30 Uhr
Interpret*in/ Song: Felix Mendelssohn-Bartholdy

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